19. 7. 2020

Kunst im Untergrund

Wussten Sie, dass Prag eine der umfassendsten unterirdischen Galerien zeitgenössischer Kunst und Designs hat? Außerdem zahlen Sie hier nur ein paar Kronen Eintritt. Um moderne tschechische Kunst zu sehen, müssen Sie sich diesmal überraschenderweise nicht ins Museum begeben, sondern in die Stationen und Vestibüls der Prager Metro.

Die erste Idee zum Bau einer Untergrundbahn in Prag entstand bereits im Jahr 1898 im Zusammenhang mit den umfassenden Sanierungsarbeiten in der Altstadt. Konkrete Schritte zur Durchführung dieser Idee wurden allerdings erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts getätigt, als Prag der ständige Verkehrskollaps drohte. Im Jahr 1974 wurde der erste Abschnitt der Linie C von Florenc nach Kačerov eröffnet, 4 Jahre später dann der erste Abschnitt der Linie A zwischen den Stationen Dejvická und Náměstí Míru. Die Jüngste ist die Linie B, deren erster Abschnitt im Jahr 1985 fertiggestellt wurde. 

Würden wir die einzelnen Metrolinien unterscheiden wollen, dann wäre die Linie C die älteste, die Linie B die längste und die Linie A könnte zweifelsfrei als die schönste bezeichnet werden. Die Prager Metro sollte zu ihrer Zeit das Aushängeschild der sozialistischen Staaten werden und stolz an der Seite der Moskauer oder Kiewer U-Bahnen stehen. Im Vergleich mit ihnen waren ihre Interieure jedoch weitaus moderner und präsentierten das Beste, was in der gegebenen Zeit am Gebiet Prags entstand. 

Die Architekten, Designer und Künstler, die sich am Bild der Metro beteiligten, gehörten zur elitären Spitze unserer Kulturszene. Die verwendeten Materialien würde sich heutzutage wohl auch die reichste Stadt nicht in diesem Ausmaß leisten. Das Maß der Zeitlosigkeit und Exklusivität der Architektur der Metro erreichte wohl auch, dass sie zur Kulisse für Sci-fi-Filme wurde. Und heutzutage ist es an der Zeit, sie langsam neu zu entdecken.

Linie A 

Die ikonische A-Linie mit ihren eloxierten Aluminiumgüssen in Form von konvexen und konkaven Linsen („Brüste und Antibrüsten“ im Metro-Jargon) gehört zu den schönsten und meistfotografierten in Europa. Die Aluminiumverkleidungen erfüllen hier nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine praktische Funktion – Sie haben die Aufgabe, die Schallwellen zu dämpfen, die von den schweren Fahrgestellen der Zugsgarnituren abgegeben werden. 

Die Interieure der Stationen sind im Grunde sehr einfach gehalten, aber ein visuell umso stärkeres Beispiel des zeitlosen Schaffens des Architekten der Prager Metro Jaroslav Otruba. Auf der einen Seite repräsentieren die Stationen die Gewölbe der gotischen Keller unter der Altstadt, auf der anderen handelt es sich um eine Pop/Op-Artgeste, die packend und „sexy“ ist. Der Guss selbst wurde heutzutage zu einem definitiven „must have“ für jeden Hipster und eine Reihe von ihnen ist bereit, sich eine Kopie davon als Dekoration für ihr Wohnzimmer zu besorgen.

Die Linie beginnt mit den „Linsen“ bei der Station Hradčanská und setzt Sie unter der Altstadt und Vinohrady bis zur Station Flora fort, wo wir noch die ursprüngliche integrierte Beleuchtung der Einstiegsschiffe finden. Die scheinbare Dunkelheit der Tunnel unterstreicht so das ursprüngliche Konzept mysteriösen Charakters des historischen Untergrunds. 

Jede der Stationen hat ihre einzigartige Farbe, die von der Geschichte und Tradition ausgeht und sie auf irgendeine Art charakterisiert. Zum Beispiel das Gold in der Station Můstek verweist auf den Goldenes Kreuz genannten Ort, der sich in ihrer Nähe befindet, das Rot der Station Staroměstská erinnert wiederum an eine Reihe bedeutsamer historischer Ereignisse, vom Prager Fenstersturz über die Hinrichtung der 27 böhmischen Herren bis hin zum Siegreichen Februar. Eine Erwähnung wert ist auch die Station Malostranská, die sich in der Nachbarschaft des barocken Wallensteingartens (Valdštejnská zahrada) (deshalb ist sie in Grüntönen gehalten) und der Wallensteinreithalle der Nationalgalerie (Valdštejnská jízdárna Národní galerie) befindet. Im Garten sowie in den Vestibüls befindet sich eine ganze Reihe von Kopien der Statuen Bernhard Brauns. In Kombination mit der Marmorvertäfelung erinnert der Raums dann stark an den Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe.

Von den weiteren Stationen auf der Linie ist dann zum Beispiel Želivského eine Erwähnung wert, die einzigartig darin ist, dass sie ihre ursprüngliche Form seit ihrer Eröffnung im Jahr 1980 beibehalten hat. Hier können Sie auch das ursprüngliche System der indirekten Beleuchtung der Rolltreppentunnel sehen und das Vestibül wird von einem mehrere Meter langen Mosaik verziert, das den hussitischen Prediger Jan Želivský zeigt. Es ist auch möglich, das ursprüngliche System der indirekten Beleuchtung von Rolltreppentunneln zu sehen und das Vestibül ist mit einem mehrere Meter großen Steinmosaik verziert, das den hussitischen Prediger Jan Želivský darstellt.

Linie B

Die B-Linie ist visuell etwas vielfältiger. Die Stationen der Linie sind sowohl gegraben (orthogonal), als auch geprägt (gewölbt). Das Grundmaterial ist Glas und Keramik. Typische Elemente in den Stationen sind die großformatigen Glasverkleidungen der Bahnsteige, Keramikverkleidungen, weiß emailliertes Blech, indirekt beleuchtete Gewölbe der Rolltreppentunnel und ein massiver gelber Lichttubus. Für einige Stationen entstanden auch außergewöhnliche gläserne Verkleidungen, Lampen und Plastiken von international anerkannten Künstlern, die leider in einigen Fällen aus den Stationen verschwanden. 

Eine der interessantesten auf dieser Linie ist die Station Anděl (ursprünglich Moskevská), die von Architekten aus der ehemaligen UdSSR entworfen wurde, während tschechische Ingenieure im Gegenzug eine der Moskauer Stationen, Pražská, entwarfen. An der weißen Marmorverkleidung hängen bis heute Bronzeabgüsse mit sozialistischen Motiven von Kosmonauten und nationaler Freundschaft.  

Sehr exklusive Verzierung finden Sie in der Station Karlovo náměstí, deren Wände mit Glasbeschlägen des weltberühmten Glasmachers František Vízner bedeckt sind. Das Vestibül in Richtung Palackého náměstí/Platz bietet sowohl die künstlerischen Glasmalereien hinter den Rolltreppen als auch zwei Galerien zeitgenössischer Kunst in den Originalvitrinen des Vestibüls. Im Vestibül zum Karlovo náměstí/Platz können Sie ein 20 Meter langes Mosaik bewundern, das sich auf die wichtigen Taten Karls IV. bezieht.

Ein weiteres Kunstwerk versteckt die Station Florenc, die früher den Namen Sokolovská nach der bedeutenden Schlacht bei Sokolov im Jahr 1943 trug, wo zum ersten Mal tschechoslowakische und sowjetische Soldaten gegen die Wehrmacht kämpften. Und gerade eine Szene aus dieser Schlacht fängt das Steinmosaik von Oldřich Oppelt ein. 

Linie C

Die Stationen der ältesten Metrolinie sind viel einfacher gehalten. Ihre Schroffheit und Funktionalität wird durch die großzügige Verwendung und die Qualität des Materials ausgeglichen (Sie finden hier viele Arten von Marmor aus verschiedenen Teilen der Welt). In den allerersten Stationen zwischen Florenc und Kačerov überwiegt die Nüchternheit in den Farben mit stärker geschmückten Endstationen, wo Sie erneut großzügige Mosaiks und Reliefs finden. Die anschließenden Abschnitte der Linie werden dann von den Keramikverkleidungen hinter den Gleisen dominiert. Eine bedeutende Rolle spielt hier das geometrische Spiel des Lichts. 

Eine der schönsten Stationen dieser Linie ist Vyšehrad. Sie ist eine von wenigen, die sich überirdisch befindet und dank ihrer Lage bietet sie unglaubliche Panoramaausblicke auf die Stadt. In den anliegenden öffentlichen Räumlichkeiten der Metro befindet sich eines der bedeutendsten künstlerischen Projekte in der Metro, eine geometrische 111 Meter lange Stützmauer am Brückenkopf der Nusle-Brücke, deren Urheber Stanislav Kolíbal ist.

Reiche künstlerische Verzierung finden wir auch in der Station Kačerov, die früher die Endstation der Linie war. Das großzügige Vestibül mit der hohen Decke ist mit Holz verkleidet und mit quadratischen Lampen besetzt. Dieser Raum wird vom Relief Vladislav Gaidas dominiert, das mit einer speziellen Technik in Senfsandstein geschnitten wurde. Hier finden Sie auch Glasfenster bemalt mit linksdrehenden Spiralen, die die Autobusabstellplätze überdachen. Im Atrium der Station befindet sich dann ein Springbrunnen, der das Aufblühen einer Knospe darstellt. Der letzte künstlerische Beitrag ist eine Reihe von Graffiti „Pieces“ im Durchgang zwischen den angrenzenden Busplattformen, unter denen sich auch der berühmte Michal Škapa alias Tron befindet.

Interessantes zum Abschluss

Für die Prager Metro wurde eine spezielle, Metron genannte Schriftart entworfen, die nicht nur in den Namen der Stationen verwendet wurde, sondern auch in ihrem Informationssystem.

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